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Dies und das

Die neue Bildungskatastrophe

Da gehe ich nun in den Ruhestand, freue mich und finde am Tag nach meiner Verabschiedung einen Kommentar in der FRANKFURTER RUNDSCHAU, der mich nachdenklich macht. Ich erinnere mich noch an meinen Start als Junglehrer: dreiviertel des Kollegiums waren damals jünger als 30 und da frage ich mich, wie wird es denn in unseren Schulen in ein paar Jahren aussehen, wenn all meine Kolleginnen und Kollegen, die mit mir zusammen eingestellt wurden, dann auch aufs Altenteil wechseln dürfen.

hier die Kolumne von Herfried Münkler  aus der FR vom 30.7.2009:

Die neue Bildungskatastrophe

Die Warnung der Verbände war dramatisch: In wenigen Jahren würden in Deutschland zwischen 30.000 und 40.000 Lehrer fehlen, vor allem in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Die erste Reaktion aus den Kultusministerien lautete, es gebe keine verlässlichen Zahlen, die von GEW und Philologenverband genannten seien weit übertrieben, überhaupt werde es so schlimm nicht kommen.

Was an dieser ersten Reaktion am meisten irritierte, war die Behauptung, man habe keine verlässlichen Zahlen über einen zukünftigen Lehrermangel. Schließlich gibt es von jedem Lehrer eine Personalakte, auf der das Geburtsdatum eingetragen ist. Wenn man nicht in der Lage ist, diese Daten zu erfassen und in Relation zur prognostizierten Entwicklung der Schülerzahlen den Bedarf zu berechnen, um diesen dann mit der Zahl der fürs Lehramt Studierenden zu vergleichen, muss man fragen, wozu die Bildungsadministration überhaupt fähig ist.

Ein kapitaler Bock, den die Verantwortlichen in den Ministerien und bei der Kultusministerkonferenz mit dieser Erklärung geschossen haben. Doch der Vorschlag des Philologenverbandes, im Falle von Engpässen könne man ja in Mittel- und Osteuropa Lehrpersonal anwerben, ist dem mindestens ebenbürtig. Offenbar wissen weder die Verantwortlichen noch die Praktiker, wie sie die in den nächsten zehn Jahren entstehenden Lücken mit ausgebildetem Personal schließen sollen.

Der Vorschlag, hier Hilfswillige zu rekrutieren und ansonsten auf Arbeitsmärkten zu fischen, wo man aufgrund des bestehenden Einkommensgefälles fündig werden würde, ist eine bildungspolitische Bankrotterklärung. Dies auch deshalb, weil er sich nicht dafür interessiert, welche Folgen seine Umsetzung in den betreffenden Ländern, die zum Teil gerade erst der EU beigetreten sind, hinterlassen würde.

Man hätte eben zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Lehrerlücke geschlossen und die Ausbildungskosten externalisiert. Der globalisierte Arbeitsmarkt wäre dann auch im deutschen Schulwesen angekommen. Schwer zu sagen, was schlimmer ist: die dreiste Irreführung der Öffentlichkeit bei der ersten Antwort oder die mit naivem Augenaufschlag vorgetragene Verwüstungsstrategie im Fall der scheinbaren Lösung.

Ganz offensichtlich ist die Botschaft, die von einigen Politikern seit Jahren verbreitet wird, in den Verwaltungen nicht angekommen: Deutschland müsse, da es ein rohstoffarmes Land sei, verstärkt in die Bildung seiner Bürger investieren. Was dann aber auch heißt, dass die Absender dieser Botschaften bloß Sender sind, die sich um die operative Umsetzung dessen, was sie für wichtig halten, nicht scheren. Hauptsache, sie haben es mit ihrer Botschaft in die Medien geschafft, der Rest ist ihnen egal.

Das ist die eigentliche politische Katastrophe. Dass Ministeriumssprecher lügen, dass einige Bildungsstrategen Raubzüge in Nachbarländern planen, ist schlimm, aber korrigierbar. Dass aber die Verantwortlichen sich ihrer Verantwortung nicht bewusst sind oder diese nonchalant ignorieren, ist verheerend. Die Politik, sagt man, handele erst, wenn die verzweifelt an den Brunnenrand geklammerten Finger des Kindes abzurutschen begännen. Gelegentlich macht sie dazu auch bloß frivole Bemerkungen.

(Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.)

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